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Von Christian Stolz, Europa-Universität Flensburg

Christian Stolz
Der Autor PD Dipl.-Geogr. Dr. Christian Stolz studierte an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, promovierte im Bereich der Geomorphologie und war bis zu seiner Habilitation 2011 am dortigen Geographischen Institut als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Seit 2015 ist Christian Stolz Inhaber des Zertifikats für professionelle Hochschullehre ReflActive Teaching. 2016 und 2017 unterhielt Christian Stolz eine Erasmus-Dozentur zu den Themen Mensch-Umwelt-Forschung, Physische Geographie und Lehrerbildung an der Marie Curie-Sklodowska-Universität in Lublin (Polen). Christian Stolz ist Akademischer Rat an der Europa-Universität Flensburg und zuständig für die Lehre in der Physischen Geographie.
Meilerplatte
Skizze einer historischen Meilerplatte. ©Alexander Stahr

Arglosen Spaziergängern fallen sie meist gar nicht auf. Viele sind aber erstaunt, wenn sie sie gezeigt bekommen: Historische Kohlenmeilerplätze gehören zum Erscheinungsbild der Wälder im Untertaunus. Sie befinden sich hauptsächlich an den Hängen, nicht selten in der Umgebung von Wasserläufen, in feuchten Tiefenlinien und in Hangmulden. Meistens sind es Hangmeilerplätze, da diese am einfachsten aufzufinden sind. Ein Hangmeilerplatz wurde durch den Köhler angelegt, der dazu einen Teil des Hanges abstach und das abgetragene Material unterhalb davon wieder aufschüttete. Auf der so entstandenen kreisrunden oder ovalen Meilerplatte, die regulär 6-12 m breit ist, wurde später der Kohlemeiler aufgesetzt. Der Meilerplatz selbst besteht aus der zentralen Meilerplatte, der Hangabstichkante und dem Stübbewall. Der Stübbewall hat seinen Namen von der Stübbe, jenem Bodenmaterial mit dem der Köhler seinen Meiler einst luftdicht verkleidete.

Im mittleren Aartal zwischen Bad Schwalbach und Rückershausen sind besonders große, kreisrunde und bestens erhaltene Meilerplätze besonders häufig. Ihr Erscheinungsbild wirkt unverwaschen. Augenscheinlich ist der scharfe Übergang der schwarzen Holzteerschicht zum Unterboden. Die Kohlenmeiler, die nicht selten über drei Gesetze übereinander verfügt haben müssen, gehören deswegen unzweifelhaft in die Blütezeit der landesherrlich betrieben Michelbacher Hütte im 18. und 19. Jahrhundert. Da man die Meilerplätze häufig dicht beieinander findet, ist von stationärer Köhlerei auszugehen. Vergleichbare Verbindungen zu lokalen Industrieunternehmen wurden auch in anderen Regionen nachgewiesen (Stolz & Grunert 2010, von Kortzfleisch 2008).

Das bis heute unter den Namen „ACO“ und „Passavant-Geiger“ bekannte Eisenwerk verwendete bis 1856 ausschließlich einheimische Holzkohle. Dieser große „Hunger“ nach hochwertigen Brennstoffen hatte teils verheerende Auswirkungen auf die Landschaft im Untertaunus während der Neuzeit (Stolz 2008). Dieser Aufsatz behandelt das Thema Köhlerei als Teil eines vielschichtigen Landnutzungssystems während der Neuzeit im Aartal.

Das frühneuzeitliche Landnutzungssystem im Aartal bis zum Dreißigjährigen Krieg

Nach der Spätmittelalterlichen Wüstungsperiode kam es in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zu einem deutlichen Bevölkerungswachstum in den deutschen Mittelgebirgen, das örtlich mit neuen Waldrodungen verbunden war (Born 1989). Gleichzeitig ist mit einer  Ausweitung der landwirtschaftlichen Nutzfläche zu rechnen, die jedoch nicht mehr den Höchststand des Hochmittelalters (1000-1320) erreichte. Leider ist es schwierig diese Entwicklung exakt nachzuvollziehen, da es zwar spärliche schriftliche Quellen, z.B. über Viehbestände, aber kaum brauchbare Kartenwerke aus dieser Zeit gibt.  Zur bisher verbreiteten eher extensiven Feld-Gras-Wechselwirtschaft traten in den Mittelgebirgen nun verstärkt die Feld-Wald-Wechselwirtschaft sowie die Niederwaldwirtschaft.

Die Niederwaldwirtschaft steht in enger Verbindung mit der im Aartal verbreiteten Köhlerei und Eisenerzverhüttung.  Die Niederwälder, von denen heute nur noch Relikte vorhanden sind, bestanden vornehmlich aus Hainbuchen oder Eichen, die regelmäßig „auf den Stock gesetzt, d.h., ungefähr alle 20 Jahre abgeschlagen wurden. Danach trieben die Stöcke in mehreren Strünken wieder aus. Bis dahin konnte im Wald Ackerbau, ansonsten Weidewirtschaft betrieben werden. Die dünnen Baumstämme aus der Niederwaldwirtschaft eigneten sich hervorragend für die Köhlerei. Eichenstämmchen wurden zudem geschält, um Gerberlohe zum Gerben von Leder zu gewinnen. Die Holzkohle wanderte hauptsächlich in die kleinen, dezentralen Rennöfen, in denen auf relativ primitive Art Eisen hergestellt wurde. Bereits zu Beginn des 15. Jahrhunderts hatten die Waldschmiede damit begonnen, sich in den Bach- und Flusstälern anzusiedeln. Dort lernten sie, sich die Wasserkraft zu Nutze zu machen (Geisthardt 1954). Gleichzeitig gewann der Bergbau im gesamten Lahngebiet an Bedeutung (Künzler 2010). Als Hofbesitzer gewannen die Waldschmiede häufig Markgerechtigkeiten als Mitmärker in den örtlichen Markwäldern, was nicht zuletzt dazu führte, dass auch jene Wälder stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Da die Hüttenbetreiber ihre Abgaben an die Grundherren in Form von Eisen entrichteten, hatten Letztere somit eine einfache Möglichkeit, an den begehrten Werkstoff zu kommen. Deswegen mögen die Landesherren deswegen das Treiben der Schmiede geduldet haben. Die Schlacken eines Rennofens aus dem ausgehenden Spätmittelalter wurden nahe der Sandersmühle bei Michelbach entdeckt und beschrieben (Stolz & Grunert 2008).

Auch andere energieintensive Wirtschaftsweisen außer der Eisenindustrie sind aus dieser Zeit für das Aartal belegt. So ist für das Jahr 1492 in den Bauakten von Limburg bereits Kalkbrennerei für den Raum Hahnstätten nachgewiesen (Gemeinde Hahnstätten 1980, 167). Bereits im Jahre 1410 forderten die Mitmärker des Markwaldes Fuchsenhell bei Hahnstätten von Graf Johann von Katzenelnbogen als Obermärker das Verwenden von Holz aus dem Markwald zur Kalkbrennerei zu untersagen. Der Graf sollte auch verhindern, dass in dem Wald Kohlen für Waldschmieden gebrannt werden. 1465 wird für denselben Wald folgendes Verbot erlassen: „Eigenmächtiges heimliches Holzhauen ist untersagt. Schultheisen sollen die Waldungen verwahren und, wenn jemand Holz darin, wo es schädlich oder nicht eigen ist, hauet oder verkohlet, soll um 2 Florentiner Gulden gestraft werden“ (Gemeinde Holzheim 1972, 179, ohne genaueren Beleg).

Wein
Weinbau war im Aartal und im übrigen Untertaunus sehr verbreitet. ©Alexander Stahr

Weiterhin spielte die Weidenutzung von außerhalb gelegenen Trieschländern eine große Rolle. Bork et al. (1998, 238), verweisen auf den spätmittelalterlichen Wandel vom Brot zum Fleisch verzehrenden Mitteleuropa. Bei 32 schatzbaren Personen (Haushalten) im Dorf gibt Fricke (1959, 39) für Kaltenholzhausen 73 Rinder an. Im Nachbardorf Netzbach entfielen auf 19 Personen 27 Rinder. Das Verhältnis richtete sich stark nach der jeweiligen Flächenausstattung einer Gemarkung. Weiterhin war der Weinbau an der Lahn aber auch im Aartal und im übrigen Untertaunus sehr verbreitet (Fricke 1959, 43; Wolf 1957). Die Schweine hingegen trieb man vor allem in den Wald und auf Hutungsareale, die dadurch nicht selten in Mitleidenschaft gezogen wurden. Oft handelte es sich dabei um die im Mittelalter angelegten Markwälder, wie die Fuchsenhell bei Hahnstätten, die durch die bäuerliche Nutzung, sei es durch Beweidung, Streu- oder Holzentnahme, nicht selten in Mitleidenschaft gezogen wurden. Auch das so genannte „Schneiteln“ von Eichen und Hainbuchen, um Viehfutter zu gewinnen, war verbreitet (Ehmke 2003). Fricke (1959, 37) führt den Beleg an, dass der Territorialherr der Grafschaft Diez als Obermärker einer Mark bei Bad Camberg im Jahre 1560 den Weidegang des Viehs, das „Laubrecheln“ und die Holzentnahme verbot, um die devastierten Waldungen wieder aufforsten zu lassen.  Die Belege lassen darauf schließen, dass die Wälder bereits im 16. Jahrhundert wieder intensiv durch verschiedene Interessensgruppen genutzt wurden.

Insgesamt ist jedoch von einem nur allmählich wachsenden Nutzungsdruck im hiesigen Gebiet auszugehen, der zwar keine mittelalterlichen Verhältnisse erreichte, aber bis zum 19. Jahrhundert andauerte. Besonders der Aspekt der Waldweide und intensiven Waldnutzung bis hin zur Devastierung muss besonders im Bereich der oberen Aar eine große Rolle gespielt haben.

Langenschwalbach
Langenschwalbach im Jahr 1631, heute Bad Schwalbach, auf einem Stich von Matthaeus Merian. Erkennbar ist auch hier die weitgehende Waldfreiheit der Landschaft. ©Gemeinfrei

Ein Bild der waldarmen Landschaft zur damaligen Zeit vermittelt ein Stich von Burg Hohenstein nach Meißners Thesaurus aus dem Jahre 1620. Der Betrachter blickt vom östlichen Talhang der Aar auf den Hohensteiner Burgberg mit der hessischen Burg und auf die umliegenden Hänge mit den beiden Hohensteiner Ortsteilen und Kirchen. Abgesehen von wenigen Bäumen und Baumreihen ist die heute dicht bewaldete Landschaft vollständig entwaldet. Sollte der Stich die Realität wieder geben, ist also schon für die unmittelbare Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg und zu dessen Beginn von starker Entwaldung im Aartal auszugehen.

Während des Dreißigjährigen Krieges ist jedoch mit örtlicher Wiederbewaldung bzw. einer Extensivierung der Landwirtschaft zu rechnen. Zudem sind mehrere zeitweise und wenige dauerhafte Siedlungswüstungen aus dieser Zeit bekannt (Stolz 2008). Für die Gemarkung des erst im 19. Jahrhunderts wüst gefallenen Rahnstätter Hofs bei Michelbach konnte eine teilweise Flurwüstung für das beginnende 17. Jahrhundert nachgewiesen werden (Stolz 2010).

Köhlerei für die Michelbacher Hütte

Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurden einige der aufgelassenen Nutzflächen recht schnell wieder in Kultur genommen. Erneut war ein deutlicher Bevölkerungsanstieg zu verzeichnen, der einen verstärkten Bedarf an Nahrungsmitteln zur Folge hatte, was zur Ausdehnung der Ackerflächen führte (Fricke 1957, 90). Die Wiederbesiedelung der hiesigen Gegend erfolgte zum Teil aus anderen Landschaften, in denen nicht so große Bevölkerungsverluste während des Krieges zu verzeichnen gewesen waren (so aus dem Rheinland, Westfalen, Schlesien, Österreich und dem Welschland). Zum bedeutenden Wirtschaftszweig in der Region entwickelte sich, ausstrahlend aus dem Siegerland und aus dem Dillenburgischen, auch südlich der Lahn eine bedeutende, zentralisierte Eisenindustrie mit größeren Hüttenwerken, die in der Hauptsache landesherrlich gelenkt war.

Bereits 1588 ist in der Audenschmiede bei Weilmünster der erste Hochofen im Taunus bezeugt (Geisthardt 1957). 1590 wird erstmals ein Bergwerk auf der Bonscheuer bei Zollhaus erwähnt. Bereits ein Jahr vorher, 1589, wurde in Geroldstein im Wispertal eine Hütte errichtet, die das Erz aus der Bonscheuer verarbeitete und im Dreißigjährigen Krieg (1634) zerstört wurde. Für die Holzkohlezufuhr sorgte der Kurfürst von Mainz.

Laufbrunnen
Laufbrunnen aus Niedernhausen-Oberseelbach von der Michelbacher Hütte. ©Gemeinfrei

Graf Johann von Nassau-Idstein ließ nach dem Dreißigjährigen Krieg unweit der Bonscheuer die Michelbacher Hütte errichten, die 1656 ihren Betrieb aufnahm. Nach Geisthardt (1957, 161) befand sich am Zusammenfluss von Aar und Aubach vorher eine Mühle. Heil (1954, 86) fand jedoch auf der Marksburg bei Braubach eine gusseiserne Ofenplatte mit der Aufschrift „Michelbach anno 1612“. Dies würde bedeuten, dass die Michelbacher Hütte als Eisenwerk schon vor dem Dreißigjährigen Krieg bestanden hat. Eventuell wurde die Platte aber auch in einer Waldschmiede hergestellt. Ein Hammerwerk in Burgschwalbach besorgte die Weiterverarbeitung des Eisens (Löhr 2001, 71; Geisthardt 1954, 62; Passavant 1952, 85). In Michelbach wurden hauptsächlich gusseiserne Öfen, Ofenplatten und mehrere Arten von Töpfen produziert, außerdem Stabeisen, die in den Hammerwerken weiter verarbeitet wurden. Bereits in den Anfangsjahren muss die Eisenproduktion beträchtlich gewesen sein, wofür auch der Bedarf an Baueisen zum Wiederaufbau der Städte nach dem Krieg gesorgt haben dürfte.  So seien 1665 rund 30000 Kilogramm und 1667 sowie 1671 fast 36000 Kilogramm Eisen ausgeschmiedet worden (Geisthardt 1957). Graf Gustav Adolf, der die Hütte geerbt hatte, deckte damit hauptsächlich seinen Eigenbedarf im Lande, handelte das Michelbacher Eisen aber auch über die Frankfurter Messe. Dass es anscheinend schon 1657 in Michelbach an Kohlholz mangelte, ist zu vermuten, da solches vom 25 bis 35 Kilometer entfernten Taunuskamm und jenseits davon herangeholt wurde („… von dem Bleydenstadter Heiligenstock [Eiserne Hand] an die Rheingauer Straß hinauf bis in die Walluf oben zur rechten Hand liegt, als den Bürgel, Roßberge, das Katzenloch, die Zwingergräben zu gebrauche; Geisthardt 1957, 162).

In seinem Testament schreibt Graf Johann zudem 1677, dass in Michelbach zwar genug Eisenstein vorhanden sei, aber dass man das Holz „aus der Höhe“ (vom Taunuskamm) nehmen müsse. Um Raubbau in den Wäldern zu vermeiden, wurde 1650 die alte Holzordnung wieder eingeführt, nach der nur bestimmte Wochentage zum Holzfällen reserviert waren.

Seit 1683 wurde die Hütte nach und nach an mehrere Industrielle verpachtet. Das Geschäft muss jedoch Ende des 17. Jahrhunderts und zu Beginn des darauf folgenden nicht sehr lohnend gewesen sein, so dass das Werk sogar zeitweise still lag. Nach dem Tod von Graf Georg August von Idstein 1721 fiel das Werk an die Grafen von Nassau-Usingen, die sämtliche Idsteinische Eisenwerke wieder unmittelbarer staatlicher Verwaltung unterstellten. Dazu zählten die Hütten in Michelbach, Hahn (1680) und Emmershausen (heute Gemeinde Weilrod) sowie Hämmer in Burgschwalbach (1684 bis 1918), Seitzenhahn (1700 bis 1771) und Niedernhausen (1680). Auch in Bleidenstadt soll von 1670 bis um 1780 ein Eisenhammer bestanden haben, ebenso in Wehen und in den Aar-Wiesen unterhalb von Bad Schwalbach (1843 erwähnt).  Für kurze Zeit, von 1786 bis 1807, bestand auch in Holzheim in der Ardecker Mühle ein privat betriebener Reckhammer, der Eisen aus Siegen, Dillenburg und Löhnberg verarbeitete (Stolz 2008, Gockel 2001).

Während es für die Pächter der Michelbacher Hütte schwierig gewesen war, Kohlholz heranzuschaffen, bezogen die Staatsbetriebe letzteres aus den landesherrlichen Forsten. Geisthardt (1957, 168) schreibt, dass der Holzmangel im ganzen 18. Jahrhundert ein hemmendes Problem für Hochöfen und Hämmer gewesen sei. In den 1780er Jahren wird erneut berichtet, dass die usingischen Hüttenwerke ihre Holzkohle von außerhalb Nassaus beziehen mussten und Bezugsquellen aus den mainzischen Hinterlandswaldungen im Rheingau heranzogen.  Allein die ehemals idsteinischen Werke mit Michelbach an der Spitze beschäftigten 300 bis 400 Untertanen vor allem wegen des starken Bedarfs an Fuhren mit Holz und Holzkohle (Geisthardt 1957, 169). Und das, obwohl sich ein längerer Transport in der Regel negativ auf die Qualität der Kohlen auswirkte, da größere Stücke durch die Erschütterungen auf den Wagen leicht zerbrachen.

Auch im hessischen Katzenelnbogen bestand seit 1736 ein Hüttenwerk, in dem vornehmlich Kriegsmaterial gegossen wurde. Es wurde bereits 1771 mit hessischer Genehmigung unter die Verwaltung der Michelbacher Hütte gestellt. Doch ein rentabler Betrieb war nicht möglich, da es an Kohlen fehlte. Im Jahre 1805 soll der Bergrat Cramer in Wiesbaden gesagt haben  „Was hilft Eisenstein und alles andere, wenn man keine Kohlen hat“. 1840 wurde die Hütte stillgelegt (Herold 1974, 69).

In Diez und der dazugehörigen Grafschaft durfte 1783 nur dienstags im Wald Holz gelesen werden. Weitere Belege aus dieser Zeit stammen aus dem Markwald Fuchsenhell bei Hahnstätten: „Wer einen Stock von Tannen oder Fichten gebraucht, wird als Frevler bestraft“ (1796). „Ziegen sind gar nicht zu dulden, und wenn sie in den Wald kommen, sind sie totzuschießen und dafür 30 Kreuzer Schießgeld zu verlangen“ (1780; Stolz 2008, Gemeinde Holzheim 1972).

Holzkohle
Während es für die Pächter der Michelbacher Hütte schwierig gewesen war, Kohlholz heranzuschaffen, bezogen die Staatsbetriebe letzteres aus den landesherrlichen Forsten. ©Alexander Stahr

Nach der Gründung des Herzogtums Nassau im Jahre 1803 änderte sich die Situation. Man kämpfte mit Absatzschwierigkeiten, zumal in der Eisenindustrie nördlich der Lahn die Privatwirtschaft vorherrschte. So wurde die Michelbacher Hütte 1818 an den Kommerzienrat Anselm Lossen verpachtet. Nach Schwierigkeiten Ende des 19. Jahrhunderts kaufte der Frankfurter Architekt Adolf Samuel Passavant das Werk und startete damit den europaweiten Erfolg der „Passavant-Werke“ mit Kanalgussartikeln (Löhr 2001). Charakteristisch für die nassauischen Hüttenwerke ist die lange Verwendung von Holzkohle, z.T. bis Ende des 19. Jahrhunderts. In Michelbach soll die Umstellung 1856 erfolgt sein. Das Holzkohleneisen galt als eine besondere Qualität und erfreute sich guter Preise und eines günstigen Absatzes (Geisthardt 1957). Weinberger (1998, 14) schreibt, dass im Breithardter Wald schon 1832 das Ende der Köhlerei gekommen sei.

Nicht nur Köhlerei und Bergbautätigkeiten sorgten für eine starke Auflichtung und Devastierung der hiesigen Wälder. Besonders die Waldweide, aber auch die Holz- und Streuentnahme durch die Bevölkerung schien erheblich gewesen zu sein. Dazu unterhielten die Dörfer eigens Gemeindeschäfer. Ein Bild davon bekommt man, wenn man sich die Zahlen der Nutztiere anschaut, die in den einzelnen Dörfern gehalten wurden und die nicht selten zur Waldweide getrieben wurden. In Breithardt gab es 1787 nicht weniger als 622 Schafe, 1836 waren es 533 Stück und außerdem 82 Schweine bei 568 Einwohnern (Weinberger 1998). Die Mensfelder hielten im 18. und 19. Jahrhundert bis zu 800 Schafe. In Holzheim gab es 1783 512 Schafe (Stolz 2008). Nicht selten lebten in den einzelnen Orten mehr Schafe als Einwohner. Besonders in der ehemaligen Niedergrafschaft Katzenelnbogen florierte vom 14. bis zum 19. Jahrhundert die Wollweberei, die sich bis in die Zeit um 1250 zurückverfolgen lässt  (Herold 1974).

Auch die Schweinehaltung war sehr ausgeprägt. Die Tiere neigen dazu, den Waldboden aufzuwühlen und zu verschlämmen, was in aufgelichteten Wäldern einen gesteigerten Oberflächenabfluss zur Folge haben kann. Zudem drängt ein großer Tierbesatz den erosionshemmenden Unterbewuchs in den Wäldern zurück und sorgt außerdem für Bodenverdichtung und den Verlust von Mikroporen im Bodengefüge. Durch Entnahme von Laubstreu für die Ställe wird der Boden zudem noch weiter entblößt. Im 18. Jahrhundert wurde zudem die Ackerfläche vielerorts noch ausgeweitet (Stolz 2008).

Bodenerosion als Folgeerscheinung

Aus den Beschreibungen wird deutlich, wie ausgebeutet die Wälder im Aartal und vor allem rund um die Michelbacher Hütte gewesen sein müssen. Dabei fällt auf, dass Massenvorkommen von Erosionsschluchten (Runsen, Gullies), die als Ausdruck exzessiver Bodenerosion gelten, hautsächlich rund um die Michelbacher Hütte, den Burgschwalbacher Hammer und die Eisenerzgruben auf der Bonscheuer und bei Zollhaus vorkommen (Stolz & Grunert 2006).  Ein Zusammenhang ist durch das dortige Verdichtungszentrum der Runsenvorkommen augenscheinlich. Wie die Detailuntersuchungen bei Stolz (2008) an ausgewählten Beispielen zeigen, stammen die meisten der untersuchten Hohlformen aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. Dies beweist, dass die starke Devastierung der Wälder in Folge der Köhlerei als einer der Hauptauslösefaktoren für das Grabenreißen an den Hängen des Aartals und der Nebenbäche gewirkt haben muss. Alleine im Aartal wurden mehr als 200 Schluchtensysteme kartiert, die nicht selten aus 5-20 Teilrunsen bestehen.

Methodik zur Untersuchung von Meilerplätzen
Durch die in den Meilerplätzen enthaltenen Holzkohlereste besteht die Möglichkeit auf die Artenzusammensetzung historischer Waldbilder zu schließen (Hildebrandt et al. 2001). Dazu wird ein Meilerplatz systematisch beprobt. Um zu gewährleisten, dass die ausgesiebten Kohlestückchen nicht von einem einzigen Stück Holz stammen, werden sie an verschiedenen Stellen auf der Kohlplatte und im Stübbewall entnommen. Dort ist die Funddichte zumeist am größten. Besonders im Stübbewall kann davon ausgegangen werden, dass eine gewisse Schichtung des Materials der einzelnen Verkohlungsgänge vorliegt, da die Köhler die fertige Holzkohle vorzugsweise zum Stübbewall hin abräumten. Bestimmt man folglich unter einem Auflichtmikroskop die vorliegenden Holzarten in unterschiedlicher Tiefe, lassen sich ältere und jüngere Waldbilder rekonstruieren, die wiederum auf unterschiedliche Nutzungsintensitäten schließen lassen. Mittels der Radiokarbonmethode kann die Holzkohle datiert werden, womit sich das vorgefundene Artenspektrum zeitlich einordnen lässt. Aus anderen Untersuchungen ist bekannt, dass die Köhler die von ihnen verwendeten Baumarten nur selten auswählen konnten, sonders das nahmen, was an Ort und Stelle wuchs (Hildebrandt et al. 2001).

Fallbeispiele aus den Gemarkungen Hennethal und Kettenbach

Um Rückschlüsse auf ehemalige Baumartenzusammensetzung zu erhalten, wurden mehrere Meilerplätze im Aartal untersucht. Das erste Beispiel, ein Hangmeilerplatz, der bei N 50.2460°, O 8.0955° am Rande eines kleinen Schwemmfächers gelegen ist, ist von ovaler Form und in Ost-West-Richtung 6m und in Nord-Südrichtung 8,5m breit. In der Mitte ist die klar vom Untergrund abgrenzbare Holzteerschicht rund 15cm mächtig. Rings herum befindet sich älterer Niederwald mit wenigen Stockausschlägen, der fast ausschließlich aus Hainbuche besteht. Zur Untersuchung des Holzartenspektrums wurden an fünf Stellen des Meilerplatzes Proben mit insgesamt mehreren hundert Holzkohlestückchen entnommen, die durch Sieben vom übrigen Substrat getrennt wurden. Auf der Ostseite wurden die Proben in zwei Tiefen entnommen. Die Radiokarbondatierung eines Holzkohlestücks ergab das kalibrierte Alter 1725 bis 1781 n. Chr.

Das Ergebnis der Holzartenbestimmung war ebenso eindeutig: Zu 95 % bestand die Probe aus Rotbuche, zu 4 % aus Hainbuche und zu 1 % aus Eiche. Eine Unterscheidung der Probe aus einer tieferen Schicht war, bezogen auf die Artenzusammensetzung, nicht zu erkennen. Demnach entspricht die festgestellte Artenzusammensetzung im Kohlholz nicht der heutigen Waldsituation, die überwiegend von der Hainbuche dominiert wird. Rotbuchen kommen jedoch auch vor, Eichen nur wenige. Sehr homogene Artenspektren in Meilerplätzen lassen häufig auf Kahlschläge schließen, was am Beispiel des Meilerstandortes, dessen Umgebung stark zerschluchtet ist, denkbar wäre.

Ein weiteres Beispiel befindet sich bei N 50.2413°, O 8.0969°, wenige Meter von der Hennethaler Landwehr, einer spätmittelalterlichen Wallgrabenanlage entfernt am Oberhang und ist 12 mal 14 m breit. Die Vegetation im Umkreis wird rezent fast ausschließlich durch dünne Hainbuchen gebildet, die stellenweise Ansätze von Stockausschlag zeigen und auffällig in Reihe stehen. Dies lässt vermuten, dass sie einst gepflanzt wurden. Auf der Landwehr selbst weisen die Hainbuchen dagegen ausgeprägten Stockausschlag auf.

Der Meilerplatz wurde an fünf Stellen in einer Tiefe bis zu 25 cm beprobt. Zusätzlich wurde im Stübbewall eine Kohlholzprobe zwischen 25 und 42 cm genommen. Das vorgefundene Artenspektrum entsprach erneut ganz und gar nicht der rezenten Vegetation. So machte die Hainbuche im oberen Bereich lediglich 10 %, weiter unten nur 2 % aus. Das Gros bildete dagegen die Rotbuche mit 76 bzw. 66 %. Heute kommt diese Baumart im Umkreis nur noch vereinzelt vor. Ebenso verhält es sich mit der Eiche. In den Kohlholzspektren kommt sie oben mit zwölf und unten mit beachtlichen 32 % vor. Im oberen Spektrum ist sogar die Birke als ausgesprochenes Lichtholz mit 2 % vertreten.

Es ist somit davon auszugehen, dass die Baumartenzusammensetzung im Umfeld der Landwehr und der untersuchten Runse noch vor 200 bis 300 Jahren vollkommen anders aussah. Eine zeitweise Entwaldung in historischer Zeit ist somit nicht unwahrscheinlich. Zudem scheinen die Stockausschlag führenden Hainbuchen auf dem Wall der Landwehr nichts mit dem umliegenden Wald zu tun zu haben, der anscheinend später neu angepflanzt wurde. Es könnte sich dabei also um Reste eines ehemaligen Gebücks handeln, dass sich vornehmlich aus Hainbuchen zusammensetzte.

Literatur

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