Von Alexander Stahr, Taunusstein

Taunuslandschaft
Blick von Niedernhausen-Oberjosbach über Eppstein-Ehlhalten zum 506,7 Meter hohen Atzelberg mit Fernmeldeturm bei Kelkheim-Eppenhain und Kelkheim-Ruppertshain im Main-Taunus-Kreis. ©Alexander Stahr

Im Relief des Taunus finden sich im Wesentlichen vier geomorphologische Formentypen, die sich in charakteristischer Weise jeweils zeitlich begrenzt auf klimatisch-tektonisch und anthropogen induzierte morphodynamische Prozessphasen zurückführen lassen: Eine stufenweise Abfolge von mehreren, hinsichtlich ihrer jeweiligen Höhenlage korrespondieren Plateaus (Rumpfflächen) im Sinne des Relieftyps eines zentralen Berglandes, das treppenförmig von tieferen Flachniveaus umgeben ist (Semmel 2012), Horste und Senken (z. B. Idsteiner Senke), eine auffällige Asymmetrie von Talquerschnitten in West-Ost-Exposition sowie relativ breite und tief eingeschnittene Täler, die nicht durch eine rezente Erosion von Seiten der Taunusbäche erklärbar sind. Der vierte Formentyp geht auf die intensive anthropogene Nutzung der Taunuslandschaft seit dem Mittelalter zurück, die u. a. zu tief eingeschnittenen Runsen, Ackerterrassen und Hohlwegen führte.

Die Geomorphologie (von griechisch ge = Erde, morphé = Form und lógos = Lehre) erforscht und beschreibt die Oberflächenformen der Erde und deren Entstehungsprozesse. Dabei gibt es fachliche Überschneidungen mit der Geologie und der Bodenkunde.

Paläozoisch-mesozoische Formungsprozesse

Perm
Härtlinge aus Quarzit überragen im Perm die wüstenähnliche Landschaft des Taunus. Künstlerische Darstellung des ausklingenden Erdaltertums. ©Gudo Knabjohann (Wiesbaden), Alexander Stahr

Noch vor dem Ende der variscischen Ära (Gebirgsbildung) begann für den Taunus eine lange Festlandszeit mit Verwitterung und Abtragung. Bereits im Perm war der Taunus vergleichsweise stark eingeebnet. Feucht-warmes Tropenklima während der noch fortdauernden variscischen Gebirgsbildung im Oberkarbon und im frühen Perm (später war Mitteleuropa in diesem Zeitalter eher wüstenhaft trocken), aber auch im darauf folgenden Mesozoikum sowie im Paläogen, sorgte über Jahrmillionen immer wieder für intensive chemische Verwitterungsprozesse. Vor allem die Silikatverwitterung (Hydrolyse) bewirkte in den feucht-warmen Phasen gemeinsam mit flächenhaften Abspülungsprozessen eine starke Einebnung des Taunus.

Das Ergebnis der intensiven Verwitterung des Taunus war eine Rumpfflächenlandschaft. Sie ist neben einem plateauartigen Erscheinungsbild von sanften Erhebungen vor allem dadurch charakterisiert, dass die Landschaftsoberfläche über alle Gesteinsarten und Gesteinsgrenzen hinweg greift. Gesteinsstrukturen wurden gekappt, steil stehende Schichten der Schiefer von der Abtragung glatt geschnitten. Das in sich gefaltete Gebirge wirkt dadurch an der Oberfläche oft radikal geglättet. Die Rumpfflächenbildung ist unabhängig von der Art und Lagerung des Gesteinsuntergrundes.

Rumpfflächen
Die Rumpfflächenlandschaft des Taunus mit dem Großen Feldberg in der Bildmitte. ©Alexander Stahr

Auch nach der Entstehung des Taunus kam es immer wieder zu Hebungen der Erdkruste, die von relativen Ruhephasen unterbrochen wurden. Im Verlauf der Hebungsphasen konnten sich die Fließgewässer tiefer in den Untergrund einschneiden. In den Ruhephasen wurde wieder weiträumig über alle Gesteinsunterschiede hinweg abgetragen. Das Ergebnis war eine treppenähnliche Abfolge von einzelnen Rumpfflächen. Der Übergang von einer zur nächst höheren Rumpffläche ist die Rumpfstufe. Insgesamt hat man im Taunus sechs dieser Stufen ausgewiesen (Semmel 1984). Trotz dieser Stufigkeit des Reliefs hatte der Taunus insgesamt eine nur noch sehr bescheidene Höhe, die bei weitem nicht mit der von heute zu vergleichen ist. Über den am höchsten gelegenen Rumpfflächen erhob sich schließlich nur noch ein Härtlingszug aus Quarzit (Taunuskamm-Einheit), da er der intensiven Verwitterung höheren Widerstand entgegensetzen konnte.

Noch im Perm brach zwischen der Saar und der thüringischen Saale parallel zum heutigen Taunuskamm und dem Soonwald im Hunsrück ein rund 40 Kilometer breiter Graben ein, der unter anderem den in südliche Richtung transportierten Abtragungsschutt des Taunus aufnahm. Zwischen Hofheim am Taunus und Lorsbach sind diese Ablagerungen, rote Sedimente, im Vortaunus noch stellenweise anzutreffen und werden dem Rotliegend zugeordnet. Typische Gesteine des Rotliegend sind Konglomerate, verfestigte Gerölle von Sand- und Tonsteinen in einer feinkörnigen Matrix. Die Bruchlinie, an der sich der Graben absenkte, nennt man Taunusrandverwerfung oder Hunsrück-Taunus-Südrandstörung. Bei dieser Störung handelt es sich nicht um eine auf einen Meter genau festzulegenden Riss in der Erdkruste, sondern um eine relativ schmale Zone, in der die Gesteinsschollen aneinander vorbei glitten, sich verhakten und das Gestein zermürbten. Diese Südwest-Nordost verlaufende Störungszone hat gewaltige Ausmaße und reicht bis in große Tiefen. Während des Rotliegend wurden im Graben selbst Sedimente von über 3.000 Meter Mächtigkeit abgelagert. Rechtwinklig zu dieser Störung treten zahlreiche Querklüfte auf, die von Nordwest nach Südost verlaufen. Derartige Strukturen sind für den Taunus typisch und werden häufig vom Verlauf der Flüsse nachgezeichnet.

Formungsprozesse im Neogen

Stufentypen im Taunus
Stufentypen im Taunus. Die schematische Skizze (nach Semmel 1991) zeigt die vier Stufentypen im Taunus. 1 = Stufe des Taunusquarzits als morphologischer Härtling; 2 = Bruchstufe durch eine tektonische Verwerfung; 3 = Rumpfstufe infolge des Einschneidens eines neuen Flächenniveaus; 4 = Talkante durch starke Tiefenerosion während der Eiszeiten. ©Alexander Stahr

Eine erneute und verstärkte Heraushebung des Taunus im Neogen gab ihm fast seine heutige Höhe, die mit 881,5 Metern im Großen Feldberg gipfelt. Diese erneute Hebung, die bis in das Quartär hinein andauern sollte, war mit der Bildung von Bruchschollen verbunden, die der heutigen Landschaft zusätzlich zu den Rumpfstufen den treppenartigen Charakter mit auffällig ebenen Hochflächen verleiht. Diese Bruchschollentektonik ließ auch Tiefschollen entstehen, die gegenüber den benachbarten Schollen deutlich abgesenkt sind. Zu diesen Tiefschollen zählen zum Beispiel das Limburger Becken, die Senken von Breithardt und Usingen sowie die Idsteiner Senke. Die Tiefschollen sind in weitere Schollen zerbrochen. So besteht etwa die Idsteiner Senke aus mindestens zehn weiteren Bruchschollen. Sie sind vertikal zueinander versetzt und unterschiedlich gekippt. Durch die Bruchschollenbildung sind die Gesteine entlang der die Schollen begrenzenden Störungen zum Teil bis in mehr als 60 Metern Tiefe zerbrochen.

Quartäre Formungsprozesse

Eiszeitliche Solifluktionsschuttdecken
Eiszeitliche Solifluktionsschuttdecken (Lagen) bei Hofheim-Lorsbach (Hauptlage über Mittellage über Basislage, Bodentyp Pseudogley = Stauwasserboden). ©Alexander Stahr

Mit Beginn des Quartärs vor rund 2,6 Millionen Jahren begann eine morphodynamische Phase, die durch den mehrfachen Wechsel von Kalt- und Warmzeiten (Eis- und Warmzeiten) bis heute charakterisiert ist. Während der Kaltzeiten befand sich der Taunus im eisfreien Periglazialraum zwischen den nördlichen und südlichen Vergletscherungen (Skandinavien, Alpen) wodurch die Landschaft von periglaziären Prozessen wie Solifluktion, Kryoturbation und Akkumulation äolischer (Löss) und fluviatiler Sedimente (Terrassenkiese) geprägt wurde. Zeugnisse der kaltzeitlichen Prozesse sind auch die mitunter weiten Fluss- und Bachtäler des Taunus, in denen sich heute relativ unscheinbare Fließgewässer befinden, die sich in historischer Zeit kaum eingetieft haben.

In den kurzen Sommern einer Kaltzeit taute der Boden nur oberflächlich auf. Da Tau- und Niederschlagswasser im gefrorenen Untergrund nicht versickern konnten, strömte zeitweise das gesamte anfallende Wasser zu Tal. Die kaltzeitlichen Bäche des Taunus wurden dadurch für jeweils kurze Zeit zum reißenden Fluss mit enormer Transportkraft. Schleifmittel, um ein Tal zu weiten, standen den Fließgewässern des Taunus während einer Kaltzeit ausreichend zur Verfügung. Eine intensive Frostsprengungsverwitterung bei, im Vergleich zu heute, nur spärlicher Vegetation lieferte den Fließgewässern durch Solifluktion viel Sediment zu. Die reißenden Gewässer waren in der Lage, große Mengen an Schutt aus dem Tal zu räumen. Überreste davon bildeten zu beiden Seiten der Täler schließlich Kiesterrassen. Sie werden von Auenlehm und Lössablagerungen überdeckt. Auch die Bildung von Dellen, langgezogene, abflusslose Hohlformen im Gelände, sind das Ergebnis kaltzeitlicher Prozesse.

Asymmetrisches Tal im Mittelgebirge
Ein asymmetrisches Tal im Mittelgebirge in der Westwindzone Mitteleuropas (schematisch). ©Alexander Stahr

Taunustäler, die ungefähr von Norden nach Süden bzw. von Nordost nach Südwest verlaufen, weisen eine auffällige Asymmetrie ihres Talquerschnittes auf. Der jeweils nach Osten exponierte Hang ist stets weniger stark geneigt als der Gegenhang. Ursache hierfür sind die vorherrschenden Westwinde und die dadurch bedingte Leelage der nach Osten ausgerichteten Hänge. Auf ihnen konnten sich im Windschatten mächtigere Lössablagerungen bilden, wodurch die Fließgewässer nach Osten abgedrängt wurden. Daher finden sich auch nur auf den Westhängen größere Kiesablagerungen. Die nach Westen ausgerichteten Hänge wurden schließlich durch Unterschneidung allmählich steiler. Auch die stärkere Insolation in dieser Exposition spielte eine gewisse Rolle für die Asymmetrie. Hier konnte die temperaturabhängige Verwitterung der Gesteine vermehrt wirken und den Hang zusätzlich abtragen und steiler werden lassen. Die Asymmetrie der Täler hat entscheidende Auswirkungen auf die Nutzung. Auf den flacheren ostexponierten Hängen entwickelten sich in den tiefgründigeren Lössablagerungen landwirtschaftlich attraktive Böden (Parabraunerden). Die steileren westexponierten Hänge weisen häufig eine nur flachgründige Bodendecke auf. Auf flacheren Hängen herrscht daher meist Landwirtschaft vor, während auf steileren Osthängen oft der Wald dominiert.

Holozäne Formungsprozesse

Runse
Durch umfangreiche Entwaldung und nachfolgender Erosion entstanden im Taunus zahlreiche Runsen, bis zu 15 Meter tief in den Untergrund aus Saprolith (Faulfels) eingeschnittene Gräben. Das Bild zeigt ein Runsensystem zwischen Hofheim am Taunus und Hofheim-Lorsbach am Wanderweg „Mensch und Erde“. ©Alexander Stahr

Die frühe Oberflächenformung des Taunus durch den Menschen und die großräumige Bildung des Auenlehms dürfte spätestens in der Bronzezeit, Hallstattzeit und schließlich in der Antike durch die Römer erfolgt sein. So etwa im Zuge der Anlage von Verkehrswegen, des Limes oder der Errichtung von Kastellen. In den Wäldern des Taunus findet sich kaum ein Standort, der nicht Spuren des Menschen aufweist. In geologisch rasantem Tempo hat er die Landschaft umgestaltet, aus einer Natur- eine Kulturlandschaft geschaffen: Altstraßen, ehemalige Kohlenmeilerstandorte, Relikte des Ackerbaus in Form von Ackerterrassen und nicht zuletzt der Limes, Kastelle und andere Hinterlassenschaften der Römer zeugen davon. Gewaltige Ausmaße erreichten die Eingriffe gegen Ende des 18. Jahrhunderts und im beginnenden 19. Jahrhundert. Bis vor rund 200 Jahren waren Holz und insbesondere Holzkohle, sieht man einmal vom Wind und fließendem Wasser ab, die wesentlichen Energieträger. Von großer wirtschaftlicher Bedeutung war daher die Köhlerei. Holzkohle wurde in großen Mengen vor allem zur Verhüttung von Erzen benötigt. Davon zeugen die zahlreichen historischen Kohlenmeilerstandorte im Taunus. Im Zuge der damit verbundenen Entwaldung und nachfolgender Erosion entstanden zahlreiche Runsen, bis zu 15 Meter tief in den Untergrund aus Saprolith (Faulfels) eingeschnittene Gräben (z. B. Stoltz 2008).

Literatur

Semmel, A. (1984): Geomorphologie der Bundesrepublik Deutschland.- Geogr. Zeitschr., 4. völlig überarb. U. erweiterte Aufl.; Stuttgart (Frank Steiner Verlag).
Semmel, A. (2012): Von der tertiären Rumpffläche zum akuten Rutschungshang – Zur Entwicklung der Wiesbadener Landschaft.- In: Streifzüge durch die Natur von Wiesbaden und Umgebung, Jb. Nassaischer Ver. f. Naturkunde, Sonderbd. 2 VIII, S. 53-62; Wiesbaden.
Stahr, A. (2014): Die Böden des Taunuskamms. Entwicklung, Verbreitung, Nutzung, Gefährdung.- 64 S., 56 Abb.; München (Verlag Dr. Friedrich Pfeil).
Stahr, A. & Bender, B. (2007): Der Taunus – Eine Zeitreise. Entstehung und Entwicklung eines Mittelgebirges.- 253 S., 253 Abb.; Stuttgart (Schweizerbart).
Stolz, C. (2008): Historisches Grabenreißen im Wassereinzugsgebiet der Aar zwischen Wiesbaden und Limburg.- Geol. Abh. Hessen, Bd. 1: 138 S. Wiesbaden.